Okt28

Interview mit dem Bauernpräsidenten Leo Blum

Interview mit dem Bauernpräsidenten Leo Blum

Der Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau, Leo Blum, nimmt Stellung zu Fragen von WEITBLICK:

 

Herr Blum, das Höfesterben hat auch in RLP weiter zugenommen. Die wenigen Vollerwerbslandwirte müssen ihre Betriebe zu regelrechten Agrarfabriken ausweiten, um rentabel produzieren zu können. Viele kleinere verlegen sich auf die Produktion nachwachsender Rohstoffe auf immer denselben Flächen, was angeblich mehr Rendite bringt. Sind Sie davon überzeugt, dass dies noch mit dem großen Ziel der Landschaftspflege vereinbar ist, dem sich die Bauern seit jeher verpflichtet fühlten?
Verbunden mit der Gewährung der flächenbezogenen Direktzahlungen sind strenge Bewirtschaftungsauflagen, die so genannten Cross-Compliance-Bedingungen, deren Einhaltung strengen Kontrollen unterliegt. Dazu gehören Vorschriften in den Bereichen Umwelt, Futtermittel- und Lebensmittelsicherheit sowie Tiergesundheit und Tierschutz, u. a. zur Erhaltung der organischen Substanz im Boden und der Bodenstruktur, Erhalt von Dauergrünland und Landschaftselementen und Erosionsvermeidung. Damit verbunden ist ein riesiger bürokratischer Aufwand zur Dokumentation und für den Nachweis der Einhaltung der Vorschriften. Dies alles ist nur zu bewältigen, wenn die landwirtschaftlichen Erzeugnisse rentabel produziert werden, denn die Bauernfamilien müssen davon leben können und dem bürokratischen Aufwand gewachsen sein. Das schreckt so manchen Landwirt ab. Das Einhalten der Fruchtfolge liegt auch den Landwirten am Herzen, denn sie fördert die Bodenfruchtbarkeit und wirkt einem Schädlingsbefall entgegen. Alle Landwirte sind sich ihrer Verantwortung für die langfristige Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und damit für die Zukunft bewusst. Gleichzeitig muss jeder Landwirt unternehmerisch denken und handeln, um wirtschaftlich produzieren zu können und letztlich regelt die Nachfrage den Preis und das Angebot. Wertschöpfung muss sein, Nachhaltigkeit auch. Von Romantik können wir uns nicht ernähren und kommt auch kein Strom aus der Steckdose. So denke ich, dass hier ein Kompromiss zwischen all den Ansprüchen gefunden werden muss. Im Vergleich zu den riesigen Agrarflächen in Nord- und Südamerika sind unsere Strukturen und unsere Landschaftspflege sehr nachhaltig. Ohne Landwirtschaft geht es nicht. Wer eine romantische Agrarlandschaft fordert, muss akzeptieren, dass dann unsere Selbstversorgung nicht gewährleistet wäre und wir von Importen abhängig würden, die anderorts so produziert werden, wie wir es in unserem Lande nicht akzeptieren würden. Das wäre Heuchelei.

 

Können Sie Menschen verstehen, die diese Frage eindeutig mit nein beantworten und deshalb sofort die Frage nach dem Sinn der hohen Agrarsubventionen stellen? Was antworten Sie in solchen Situationen?
Ich kann diese Menschen nicht verstehen. Ich denke, dass das Infragestellen der Sinnhaftigkeit der Agrarförderung die Folge eines Mangels an Informationen ist. Agrarförderung gibt es in Deutschland in Form von Flächenprämien schon seit langem nahezu nicht mehr. Auf die gesamte EU bezogen errechnet sich die Höhe der Direktzahlungen auf 29 Cent pro Bürger und Tag. Ich denke, für vieles gibt der EU-Bürger pro Tag mehr aus. Viele andere Verbrauchsgüter werden ebenfalls staatlich subventioniert oder seitens der Kommunen zur Verfügung gestellt, beispielsweise Funk und Fernsehen oder Theater. Die Verstromung von deutscher Steinkohle wird immer noch staatlich gefördert, ebenso energetische Wärmedämmung an Gebäuden, private Solaranlagen und vieles mehr. Das nimmt der Verbraucher gerne hin oder nimmt es schon gar nicht mehr wahr. Ich denke, wir haben es hier eher mit einer Neiddiskussion zu tun.

Die weit überwiegende Mehrzahl der landwirtschaftlichen Direktzahlungen sind betriebs- und nicht produktionsbezogen. Damit wird Überproduktion und daraus resultierende Erfordernisse wie Einlagerung, Exportsubvention oder gar das Vernichten oder Verschenken von Lebensmitteln verhindert. Die Betriebsprämien stellen heute eine Grundsicherung für die Betriebe dar und sind bedingt durch hohe Auflagen, die ich vorhin schon beschrieben habe. Ohne die Direktzahlungen, die in schlechten Jahren, z. B. Jahren mit ertragsminderndem Wetter oder Seuchen, unsere Betriebe über Wasser halten, müssten die Lebensmittel viel mehr kosten. Viele Jahre lang waren sogar Lebensmittel die Inflationsbremse Nummer 1. Subventioniert wird also nur vordergründig der Landwirt, tatsächlich aber der Verbraucher.

 

Mais und einige Getreidesorten werden immer weniger als Viehfutter angebaut, sondern immer mehr als so genannter nachwachsender Rohstoff. Wie, meinen Sie, wird Ihr Berufsstand in zehn, 15 Jahren zu bezeichnen sein - Nahrungsmittelproduzent oder landwirtschaftlicher Energieerzeuger?
Jeder Unternehmer muss entsprechend der Nachfrage produzieren. Letztlich bleibt es jedem Landwirt selbst überlassen, welche Ziele oder welche Produktionsbereiche er verfolgt. Wenn mit Energieerzeugung mehr Einnahmen als mit Nahrungsmittelerzeugung zu generieren ist, dann denke ich, steht der betreffende Landwirt auch zu seinem Unternehmensziel und wird mit Stolz seinen Teil zur Befriedigung der deutschen Interessen beitragen. Schon immer haben Landwirte weltweit auch Produkte erzeugt, die nicht nur der Ernährung dienten. Beispielsweise Textilfasern, Färbepflanzen oder Rohstoffe für die Papierherstellung. Warum also nicht nachwachsende Rohstoffe? Die gesamte Menschheit befindet sich aufgrund des Klimawandels im Umbruch. Die Landwirtschaft muss ihren Teil dazu beitragen, dass die Erdbevölkerung eine Zukunft hat. Die landwirtschaftliche Kreislaufwirtschaft spielt dabei die zentrale Rolle!

 

Apropos Mais: Dessen ausgeweiteter Anbau hat (nach wissenschaftlichen Erkenntnissen) zu regional überhöhten Schwarzwildbeständen geführt. Daran geben die Bauern aber oft den Jägern die Schuld. Wie könnte ein Konsens zwischen beiden Lagern aussehen, abgesehen von dem üblichen Verfahren, dass die Landwirte höhere Abschusszahlen und die Jäger praktikablere Ackergestaltungen fordern?
Solange eben gerade kein wissenschaftlicher Beweis vorliegt, dass die Ausweitung des Maisanbaus zu überhöhten Schwarzwildbeständen führt, muss hier kontrovers weiter diskutiert werden. Das verfügbare statistische Material (Jagdstrecke, Maisanbau etc) lässt nämlich keine eindeutigen Zusammenhänge zwischen Maisanbaufläche und Höhe der Schwarzwildpopulation erkennen.

Wäre allein der zunehmende Maisanbau ausschlaggebend für das Anwachsen der Schwarzwildbestände, so hätte die Bestandsexplosion beim Schwarzwild bereits 20 Jahre früher stattfinden müssen, da damals schon der Maisanbau in Deutschland deutlich ausgeweitet wurde. Das ist aber eben nicht passiert.

Dort wo relativ viel Mais angebaut wird, ist außerdem die Wildschweinepopulation nicht am höchsten, was aber der Fall sein müsste, wenn der Maisanbau ursächlich für die Zunahme der Schwarzwildpopulation - und damit auch die Zunahme der Wildschäden - wäre. Umgekehrt ist auch festzustellen, dass in den Regionen Deutschlands, wo die höchsten Schwarzwildstrecken erzielt werden, keineswegs am meisten Mais angebaut wird. So haben Hessen und Rheinland- Pfalz im Vergleich zu den anderen Bundesländern nur einen geringen Anbau von Mais zu verzeichnen, aber seit Jahren die höchsten Jagdstrecken bei Schwarzwild.

Die immer wieder aufgestellte Behauptung, „der verstärkte Anbau von Mais sei eine der Hauptursachen für die Entwicklung der Wildschweinbestände und der Wildschäden“ stimmt also nicht.

Deshalb kann ich Jägern, Landwirten, Jagdgenossenschaften und unterer Jagdbehörde nur dazu raten tatsächlich vor Ort die Verhältnisse revierweise auszuwerten, die Ursachen festzustellen und entsprechend zu handeln.

Würde der Schwarzwildbestand gemäß der Empfehlung, die wir als Bauernverband und Vertreter der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer gemeinsam mit dem Landesjagdverband, dem Gemeinde- und Städtebund, sowie dem zuständigen Ministerium aufgestellt haben, auf ein vertretbares Maß von 2 Stück Schwarzwild pro 100 Hektar (Frühjahrsbestand) zurückgeführt (das gilt seuchenhygienisch als unbedenklich), so würde sich im Übrigen die Diskussion über zunehmende Wildschäden schnell erübrigen.

Die immer wieder aufgestellte Behauptung, „der verstärkte Anbau von Mais sei eine der Hauptursachen für die Entwicklung der Wildschweinbestände und der Wildschäden“ stimmt also nicht.

 

Immer mehr Verbraucher verlangen Bio-Produkte sowie mehr Transparenz hinsichtlich der Haltung von Nutztieren. Die Dokumentation - "ARD-exclusiv: Das System Wiesenhof" - vom Mittwoch dem 31.08.2011, hat viele Verbraucher in ihrer negativen Meinung gegenüber der Massentierhaltung gestärkt. Wie können sich deutsche Landwirte da positiv, zum Wohl des Verbrauchers, einbringen? Jedem Bauernhof seinen eigenen kontrollierten Hofladen?
Langfristig regelt die Nachfrage das Angebot. Wenn beispielsweise 10 Prozent Vorrangflächen für Ökolandbau gefordert werden, müsste jeder Verbraucher 10 Prozent seines Lebensmittelkonsums aus ökologischem Anbau bestreiten. Wenn die so genannte Massentierhaltung – die es im Übrigen in Rheinland-Pfalz ohnehin nicht gibt – unerwünscht ist, dann regelt das auch der Verbraucher, nämlich dadurch, dass er bereit ist - und das nicht nur mündlich, sondern auch tatsächlich - Fleisch, Eier und Milch zu kaufen, die eben mehr kosten als die Produkte „von der Stange“. Handgefertigtes kostet immer mehr als ein Serienprodukt. Es ist auch Sache der Verbraucher, sich objektiv zu informieren und nicht nur polemischen und polarisierten Aussagen nachzufolgen. Der Verbraucher hat die Möglichkeit, die Angebote der Landwirte, den Hof zu besichtigen, anzunehmen. Hier kann er aus erster Hand erfahren, wie unsere Grundnahrungsmittel erzeugt werden. Der Verbraucher sollte prüfen, ob die Berichte und Aktionen zu Massentierhaltung nicht nur einer Mode und Propaganda entsprechen. Ein Hofladen, mit Produkten aus dem ökologischen Landbau oder nicht, ist natürlich eine Lösung, um Produkte direkt und regional zu vermarkten und viele Landwirte haben ausgezeichnete Erfolge damit. Erhebungen zeigen, dass die Preise, die der Verbraucher beim Direktverkauf zahlt, über denen im Lebensmitteleinzelhandel liegen – und das zu Recht, denn Frische, Qualität und das Handling von kleinen Verkaufsmargen kosten eben ihren Preis. Im Übrigen bringen sich deutsche Landwirte grundsätzlich zum Wohl des deutschen Verbrauchers ein – sie sichern die Ernährung der Bevölkerung, unterstehen dabei strengen Qualitätskontrollen und Umwelt- und Naturschutzauflagen und pflegen die Kulturlandschaft. Nur nach den Regeln des Ökologischen Landbaus zu produzieren bedeutet einen erheblich geringeren Ertrag – das erfordert mehr Importe und damit einen Export unserer Verantwortung. Das kann nicht zum Wohl des deutschen Verbrauchers und auch nicht der exportierenden Länder sein.

Noch eine Anmerkung zur Massentierhaltung am Beispiel Rinderhaltung: Wie haben die Tiere vor 50 Jahren gelebt und wie leben sie heute? Damals waren alle Kühe angebunden, hatten kaum Bewegung und keinen Auslauf. Die Ställe waren meist dunkel und sehr schlecht belüftet. Heute sind alle neuen Ställe Laufställe mit hervorragender Belüftung und lichtdurchflutendem Ambiente. Was ist an dieser Entwicklung schlecht? Die rückwärtsgewandte Nostalgie ist eine Lüge, ein Trugbild! Die Tiere werden heute in aller Regel tiergerecht und weitaus besser gehalten als in all den Jahren zuvor – das ist Fakt! Mit den größeren Beständen ging eine ganz deutliche Verbesserung für das Wohlbefinden der Tiere einher.



Herzlichen Dank für das Interview Herr Blum

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